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Tuberkulose, TBC

Die Tuberkulose wurde im 19. Jahrhundert auch als "Wiener Krankheit" bezeichnet, da die Seuche im euro-
päischen Vergleich hierzulande Spitzenwerte erzielte. Die Tuberkulose galt als typische "Proletarierkrankheit"
– und tatsächlich war sie die Volksseuche der Arbeiterschaft.

Von 1900 bis 1909 kamen im 1. Bezirk, wo das Durchschnittseinkommen 4.000 Kronen betrug, auf 1.000 Lebende 11,4 Todesfälle durch TBC. In Favoriten hingegen, einem reinen Arbeiterbezirk mit katastrophalen Wohnverhältnissen und einem Durchschnittseinkommen von nur 264 Kronen, entfielen auf 1.000 Lebende
63,3 Todesfälle durch TBC.

Dem Wiener Kinderarzt Clemens Freiherr von Pirquet kommt bei der Bekämpfung der Volksseuche eine ent-
scheidende Rolle zu. Der Begründer der Allergologie wurde durch die von ihm 1907 entwickelte und nach ihm benannte Tuberkulinprobe weltberühmt. Die "Pirquet-Probe" gehörte bald zur täglichen Routine und zeigte, dass die Tuberkulose sehr viel weiter verbreitet war, als bisher angenommen.

1919 beschloss der neugewählte und sozialdemokratisch dominierte Wiener Gemeinderat deshalb die Errich-
tung von fünf neuen TBC-Fürsorgestellen und die Vermehrung der TBC-Betten auf 500.

Tuberkulosekranke wurden nun viel früher erkannt, konnten isoliert und unter die Obhut der öffentlichen Fürsorge gestellt werden.

Während der Budgetverhandlungen des Jahres 1924 kam es im Nationalrat zu einer Auseinandersetzung zwischen der Regierung, die wegen ihrer Währungsstabilisierungs- und Sanierungspolitik die Tuberkulosezuschüsse auf 812 Millionen Kronen kürzen wollte, und der sozialdemokratischen Opposition.

Tuberkulosen-Fürsorgestelle im Zürcher Hof / Foto: Bezirksmuseum Favoriten

Amalie Seidel, Nationalratsabgeordnete und Leiterin des Fürsorgereferats, sparte bei der Diskussion nicht mit harscher Kritik und anschaulichen Vergleichszahlen: Sie haben vor allem die Notwendigkeit, jene Wählerschichten zufriedenzustellen, auf die sich Ihre politische Macht zu stützen vermag. So finden wir, (...) dass derselbe Staat, der zur Bekämpfung der Tuberkulose nur 800 Millionen übrig hat, für die Landespferdezucht, für die Bundesgestüte und für die spanische Reitschule immerhin trotz Sanierung und trotz Ersparnismaßnahmen in das Budget einen Betrag von nicht weniger als 18.000 Millionen eingesetzt hat. Es ist offenbar viel notwendiger, darauf zu achten, (…) dass die Herren, die dem Rennsport huldigen, sich erstklassiges Material anschaffen können, (…) als dafür zu sorgen, dass
die Menschen nicht an Tuberkulose zugrunde gehen.

In den Jahren 1929/30 errichtete die Stadt Wien zur Bekämpfung der Tuberkulose im Krankenhaus Lainz den modernen TBC-Pavillon.
Durch die Früherkennung, durch gezielte Licht- und Luftkurenden (etwa in der Heilanstalt Alland bei Wien), durch bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen, bessere Ernährung und hygienische Verhält-
nisse konnten die Todesfälle an Tuberkulose von 35% im Jahr 1884 auf 13,4% im Jahr 1923 und 9,3% im Jahr 1932 gesenkt werden. Dennoch hing das Sterberisiko der an TBC Erkrankten bis in die 1950er Jahre entscheidend vom sozialen Status ab.

TBC-Pavillon Lainz / Foto: Lainzer Krankenhaus
Literatur: Edith Probst (Hrsg.), Die Partei hat mich nie enttäuscht…, Österreichische Sozialdemokratinnen, 1989.
 
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