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Bildungs- und Kulturarbeit
VHS-Ottakring / Foto: VGA

Bereits der erste politische Arbeiterverein, der während der Revolution von 1848 bestand und vom Buch-
bindergesellen
Friedrich Sander geführt wurde, betrachtete die Belehrung durch leicht fassliche Vorträge und
die gehobene Unterhaltung als wesentliche Aufgaben, betrieb daneben aber auch Krankenhilfe und Arbeits-
vermittlung.

Nach der Niederwerfung der Revolution dauerte es fast zwanzig Jahre, bis 1867 die rechtlichen Grundlagen
für die Errichtung von Arbeitervereinen geschaffen wurden. Gründungen wie der Arbeiterbildungsverein Gumpendorf waren dabei noch am ehesten überlebensfähig, weil der Staat, der erst zwei Jahre später ein "Reichsvolksschulgesetz" erlassen sollte, kaum Einwände gegen Bildungsbestrebungen erheben konnte. Dennoch kam es immer wieder zu Vereinsauflösungen und Verfolgungen, die im Hochverratsprozess des Jahr 1870 ihren Höhepunkt erreichten. Nach der 1871 ertrotzten Amnestie gab es in Österreich nicht weniger als
238 Arbeitervereine mit mehr als 80.000 Mitgliedern.

Die Aufgabe der alten Arbeiterbildungsvereine ging nach
dem Parteitag von Hainfeld zurück, da die neugegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei nach und nach die Zentralisierung der Bildungs- und Kulturarbeit einleitete.

In der Folge entstand eine Reihe von Organisationen, welche
die Weiterführung der von den Arbeiterbildungsvereinen ent-
wickelten kulturpolitischen Praxis übernahmen.

Arbeiterbildungsverein Gumpendorf / Foto: SPÖ
Otto Glöckel / Foto: VGA

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts geriet auch die 1887 gegründete Freidenkerbewegung in den Bannkreis der Sozialdemo-
kratie. Die Freidenker übernahmen die Patenschaft über die Arbeiter-Feuerbestattungsvereine und wirkten im Jahr 1905 auch bei der Gründung des pädagogischen Reformvereins Freie Schule mit, der aus der Vereinigung der "Jungen" hervorgegangen war, die Otto Glöckel gemeinsam mit vier anderen aus dem Dienst entlassenen Lehrern
noch vor der Schaffung des Zentralvereins der Wiener Lehrer (1896) gebildet hatte.

Das 1898 veröffentlichte "Schulprogramm der Jungen" bildete die Grundlage für die während der Ersten Republik in Angriff genommenen Schulreformen. Die Freie Schule wurde später mit dem 1908 von Anton Afritsch in der Steiermark gegründeten Arbeiterverein Kinderfreunde fusioniert.

Im Jahr 1894 entstand mit dem Verein jugendlicher Arbeiter
auch eine stark kulturell orientierte Jugendbewegung – ein
Vorläufer der
Roten Falken, der Sozialistischen Arbeiterjugend
und der gewerkschaftlichen Jugendbewegung.

Bereits seit 1890 gab es auch einen eigenen Arbeiterinnen-Bildungsverein, der bald seine eigene Zeitschrift, die Arbeiter-
innen-Zeitung
(später Die Frau) herausgab.

Foto: SPÖ
Arbeiter-Radfahrer-Bund / Foto: Lindenmayr
Ebenfalls noch vor der Jahrhundertwende waren die ersten Vereine
der Arbeiterabstinenten
entstanden, die Bildung und aktive Freizeit-
gestaltung als Alternative zum Wirtshaus propagierten. Die 1895 gegründeten Naturfreunde und die zahlreichen Arbeiterturnvereine erfassten bald Tausende Menschen. Nach der Vereinigung der Arbeiterturnvereine zählte man im Jahr 1914 knapp 18.000 Turner,
die v.a. in Schwimm-, Kraftsport- und Fußballsektionen organisiert
waren. Im gleichen Jahr erfasste der Verband der Arbeiter-Radfahrer schon 15.000 Mitglieder.

Aus den Gesangs- und Musiksektionen der Arbeiterbildungsvereine entwickelten sich die Arbeitersänger und die Arbeitermusiker, und mit der Schaffung der Arbeiter-Symphoniekonzerte im Jahr 1905 erfolgte ein erster Vorstoß in die bisherige Domäne der bürgerlichen Hochkultur. 1906 folgte die Gründung der Wiener Freien Volksbühne mit der eigenen Kulturzeitschrift "Der Strom".

Von großer Bedeutung für die sozialdemokratische Bildungsarbeit war auch die von Robert Danneberg in Gang gesetzte Zusammen-
fassung des
Arbeiterbüchereiwesens, dessen Leitung Josef Luitpold Stern anvertraut wurde.

Die 1908 gegründete Zentralstelle für das Bildungswesen
bemühte sich, diese Vielzahl sozialdemokratischer Bildungs-
und Kulturinitiativen zusammenzufassen und zu koordinieren.

Stern / Foto: ÖGB-Archiv

Die Zentralstelle gab auch eine eigene Zeitschrift namens "Bildungsarbeit" heraus und organisierte die ersten Parteischulen, aus denen schließlich die Arbeiterhochschulen der Ersten Republik hervorgingen.

In der Ersten Republik setzte die sozialdemokratische Stadtverwaltung des "Roten Wien" in nur wenigen Jahren ein ehrgeiziges kommunales Wohnbau-, Sozial- und Bildungsprogramm um, das trotz Wirtschaftskrise und scharfer politischer Gegensätze weltweit einzigartig war.

Im Bereich der Bildung und Kultur war es das erklärte Ziel der Sozialdemokratie, durch die Errichtung von Volksbüchereien und Volksbildungseinrichtungen, aber auch durch die Förderung einer neuen Körperkultur so etwas wie eine proletarische Gegenkultur zur dominanten "bürgerlichen Hochkultur" zu schaffen – nicht nur als Gegenentwurf, sondern auch als Vorgriff auf die kommende sozialistische Gesellschaft.

Arbeiterfischer / Foto: VGA
Wiesenfest der Kinderfreunde, 1929 / Foto: SPÖ

Der Versuch, sämtliche Lebensbereiche alternativ – d.h. auch sozialdemokratisch – zu  besetzen, führte zu teilweise skurrilen
Blüten. So etwa gab es, neben den zahlreichen bereits erwähnten Organisationen, auch ein eigenes Arbeiter-Mandolinen-Orchester, es gab Arbeiter-Photographen und Arbeiter-Filmer, Arbeiter-Jäger und einen Arbeiter-Schachbund, ja sogar einen Arbeiter-Trachtenverein!

Von besonderer Bedeutung waren in diesem Zusammenhang auch die regelmäßig wiederkehrenden Feste der Sozialdemokratie, die trotz des z.T. antiklerikalen Charakters der Partei noch deutlich an traditionelle Feste angelehnt waren.

Neben dem Ersten Mai und dem Tag der Republik, die in erster Linie natürlich politischen Charakter besaßen, gab es auch Feste, die entweder einen jahreszeitlichen Bezug aufwiesen, wie etwa das
Fest des Arbeitersports zu Ostern, oder als "rites de passage" mit bestimmten Lebenszyklen in Verbindung standen, wie die Wiegenfeste oder die Jugendweihen.

Mit dem Verbot aller der Sozialdemokratie nahestehenden Organisationen im Februar 1934, spätestens aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete auch die Vision vom "Neuen Menschen". Die großen materiellen Verwüstungen, die der Faschismus und der Zweite Weltkrieg angerichtet hatten, ließen sich nach 1945 reparieren. Das kulturelle Leben, das in der kurzen Zeit der Ersten Republik eine nie dagewesene Blüte erlebt hatte, konnte sich hingegen nie mehr wirklich erholen.
 
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