Besonders eindrucksvoll, weil menschlich großartig, war die Rede der Textilarbeiterin Marie Emhart, schreibt Bruno Kreisky, der selbst beim Prozess die politisch bemerkenswerteste Verteidigungsrede hielt, in seinen Memoiren. Ich stamme aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie und habe alle Not und Entbehrung mitgemacht, die man mit- machen muss, wenn man so tief unten zur Welt kommt wie ich. Und: Sie fühle sich im Sinne des Gesetzes nicht schuldig, denn: Wir Sozialisten haben uns nicht selbst vom Boden der Legalität entfernt, sondern wurden in die Illegalität gedrängt.
Einer der Verteidiger war der später in Auschwitz ermordete Rechtsanwalt Heinrich Steinitz. Sein Schluss- plädoyer ist mutig, scharfsichtig und geradezu prophetisch: Es wäre für den Staat zu wünschen, wenn man sich klar machen würde, dass es vielleicht besser ist, statt Hochverratsklage zu erheben, wenn der Klasse, zu der sie sich bekennen, der Idee, der sie huldigen, das gegeben wird, was dieser Klasse und dieser Idee ohne Gefahr für den Staat und vielleicht zum Segen für den Staat gegeben werden kann. Sie haben sich verpflichtet gehalten, die Idee ihrer Partei hochzuhalten für den historisch geglaubten Zeitpunkt. Die Stunde, in der wir sprechen, ist eine der ernstesten der Weltpolitik. Von heute auf morgen können über Europa Ereignisse hereinbrechen, die das ganze Ergebnis dieses Prozesses über den Haufen werfen. Die Angeklagten haben erklärt, dass sie den Kampf geführt haben, weil sie überzeugt sind, dass die Arbeiterklasse die stärkste Gewähr für die Unabhängigkeit Österreichs und damit für den europäischen Frieden ist. |