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Seitz, Karl
4.9.1869, Wien - 3.2.1950, Wien
Karl Seitz / Foto: VGA

Karl Seitz war erst sechs Jahre alt, als sein Vater starb. Da seine Mutter die insgesamt 8 Kinder nicht ernähren konnte, kam Seitz im Alter von 11 Jahren ins 1874 errichtete städtische Waisenhaus in der Galileigasse 8 (später Sonderschule, dann Knaben-Volksschule; seit 1945 Sitz der Volkshochschule Wien-Nordwest). Hier entdeckte der liberale Gemeinderat Wilhelm Baecher anlässlich einer Festveranstaltung die große Begabung
des Zöglings und verschaffte ihm einen Freiplatz im Lehrerseminar in St. Pölten.

1889 gründete der junge Lehrer Seitz eine erste sozialdemokratische Lehrerorganisation; 1897 wurde er zum Obmann des jungen Zentralvereins der Wiener Lehrerschaft gewählt. Eine bald darauf wegen seiner politischen Betätigung gegen ihn eingeleitete Disziplinaruntersuchung endete mit seiner Entlassung. Seitz war in der Folge in der Bildungsarbeit der Partei tätig und erlangte als hervorragender Redner rasch große Popularität.

1901 wurde Seitz im Wahlkreis Floridsdorf in den Reichsrat gewählt, 1902 auch in den niederösterreichischen Landtag. Neben seiner Arbeit als Parlamentarier setzte er seine Lehrtätigkeit in den "Elementarkursen für Arbeiter" fort.

1915 war Seitz der erste führende Sozialdemokrat, der offen
gegen den Krieg auftrat, zuerst in einem Artikel in der theoretischen Zeitschrift Der Kampf, dann auch in öffentlichen Versammlungen.

Foto: VGA

Als die drei großen Parteien – Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Großdeutsche – nach dem Zusammenbruch des Habsburger-
reiches 1918 daran gingen, die Republik zu errichten, wurde Seitz zu einem der drei Präsidenten der Provisorischen National-
versammlung
gewählt.

Die Konstituierende Nationalversammlung wählte ihn am 3. März 1919 zu ihrem Ersten Präsidenten und damit zum ersten Staats-
oberhaupt der neuen Republik (bis Dezember 1920).

Foto: ÖGB-Archiv
Eröffnung des Hanuschhofes / Foto: Bezirksmuseum Landstraße

Karl Seitz, der nach dem Tod Victor Adlers am 11. November 1918
auch den Parteivorsitz übernommen hatte, gehörte dem Nationalrat
bis 1934 an.

Nach dem altersbedingten Rücktritt Jakob Reumanns wurde Seitz
1923 Bürgermeister von Wien und stand mehr als zehn Jahre lang
an der Spitze des großen kommunalen Aufbauwerkes (Wohnbauten, Schulwesen, Sozialreformen), das das "Rote Wien" weltweit berühmt machte.

Am 12. Februar 1934 wurde Seitz in seinem Arbeitszimmer im Rathaus verhaftet und blieb ohne Anklageerhebung bis Jahresende in Haft. Seitz weigerte sich jedoch, Österreich zu verlassen – auch nach dem "Anschluss" 1938. Als nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 Unterlagen gefunden wurden, die auch Karl Seitz belasteten, wurde er neuerlich verhaftet und ins KZ-Ravensbrück gebracht. Nach der Befreiung des Lagers dauerte es mehrere Wochen, bis Seitz sich unter vielen Schwierigkeiten und Gefahren in die Heimat durchschlagen konnte, wo er im Juni 1945, schwer krank und völlig entkräftet, ankam.

Von Ende 1945 bis zu seinem Tod gehörte Seitz wieder dem Nationalrat an. Der Parteitag im November 1946 wählte den früheren Parteivorsitzenden zum Ehren­vorsitzenden auf Lebenszeit.

Am Haus Himmelstraße 43 im 19. Bezirk erinnert eine Gedenktafel daran, dass Wiens legendärer Bürgermeister nach seiner Heimkehr aus dem KZ hier seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Die in den Jahren 1926 bis 1931 nach Plänen von Hubert Gessner errichtete Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, 21., Jedleseer Straße 66-94, wurde nach seinem Tod  Karl-Seitz-Hof benannt.
Der Hof gehört zu den architektonisch bedeutendsten Leistungen des "Roten Wien" und war wegen des vielen Grüns in den groß-
zügigen Innenhöfen allgemein als "Gartenstadt" bekannt.
Der Karl-Seitz-Platz trägt seinen Namen seit 1998.

Parteitag 1945 / Foto: SPÖ
Mit Körner, 1945 / Foto: ÖGB-Archiv
Mit Renner / Foto: SPÖ
Werk: Herr Dr. Lueger in der Klemme, 1901; Volksschule oder Pfaffenschule?, 1902; Arbeiter oder Soldaten?, 1917; Die Schmach von Genf und die Republik, 1922.
Literatur: Harald Gröller, Karl Seitz, 2002; Wolfgang Maderthaner, Karl Seitz, 2000; Rudolf Spitzer, Karl Seitz. Waisenknabe, Staatspräsident, Bürgermeister, 1994.
 
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