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Austromarxismus

Otto Bauer / Foto: VGA

Der Austromarxismus ist eine auf österreichischem Boden um die Jahrhundertwende entstandene Schule des Marxismus, dessen bekannteste Vertreter Otto Bauer, Max AdlerRudolf Hilferding, Friedrich Adler und der junge Karl Renner waren. Als überzeugte Marxisten versuchten sie, die marxistischen Theorien auf die von Nationalitätenkonflikten zerrissene Monarchie zu übertragen und
einen Mittelweg zwischen der sozialdemokratisch geprägten Zweiten Internationale und der kommunistischen Dritten Internationale zu finden.

Der Austromarxismus zählt damit zu den Transformations- und Gesellschaftstheorien, die auch mit dem Begriff "Dritter Weg" bezeichnet werden: zwischen orthodoxem Marxismus – bzw. Leninismus, denn Max Adler erhob z.B. stets den Anspruch, ein "orthodoxer Marxist" zu sein – und der radikalen Linken (z.B. Rosa Luxemburg) auf der einen Seite und dem Revisionismus, der nur allzu oft in Resignation und Integration endete, auf der anderen.

Max Adler-Gedenktafel / Foto: Bauer

Besonders Otto Bauer versuchte durch seinen sogenannten "integralen Sozialismus" die Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden, den Marxismus innerhalb der Sozial­demokratie weiterzuentwickeln und für die Tagespolitik anwendbar zu machen.

Auf der einen Seite befürwortete der Austromarxismus demnach den Reformismus der Sozialdemokraten innerhalb der von der Arbeiterbewegung erkämpften demokratischen Institutionen, kritisierte jedoch deren Beschränkung auf eine Strategie bloßer Reformen.

Die Reformen, so die Austromarxisten, müssten letztendlich auf eine Überwindung des kapitalistischen Systems abzielen. Voraussetzung für die Hegemonie der sozialistischen Bewegung und damit für eine demokratische Eroberung der Macht sei v.a. die politisch-kulturelle Aufklärung.

Die Strategie der Austromarxisten formulierte Otto Bauer mit dem Bonmot: Nicht die Köpfe einschlagen, die Köpfe gewinnen! Erst nachdem die Arbeiterpartei friedlich durch die Mittel der Demokratie an die Macht gekommen sei, sollte die "soziale Revolution" durchgesetzt werden. Die Austromarxisten entwickelten kein dogmatisches Glaubensbekenntnis, sondern eine neue Gesellschaftstheorie. Die Menschen sollten durch sozialistische Bewusst­seinsbildung langsam verändert und auf diese Weise ein "Neuer Mensch" geschaffen werden.

Foto: Bezirksmuseum Alsergrund
Foto: Jugend & Volk-Verlag

Den Anspruch der Sowjetunion auf Verkörperung eines allgemein gültigen Transformations- und Gesellschaftsmodells wies der Austromarxismus insbesondere wegen der undemokratischen Methoden der KPdSU beim Aufbau des Sozialismus entschieden
zurück.

Als wichtigstes Theorieorgan dienten den Austromarxisten die von
Max Adler und Rudolf Hilferding herausgegebenen "Marx-Studien".

Der Begriff des Austromarxismus wird heute nicht nur auf die austro-
marxistischen Theorien, sondern auch auf die austromarxistische Politik der österreichischen Sozialdemokratie in der Ersten Republik angewandt – z.B. auf die Wohnungsbaupolitik oder auf die Erziehungs­reformen im "Roten Wien".

Literatur: Detlev Albers (Hrsg.), Otto Bauer und der "dritte" Weg. Die Wiederentdeckung des Austro­marxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, 1979; Erik Eberhard, Politische Strömungen der Arbeiterbewegung 2: Austromarxismus und Sozialdemokratie, 2001; Alfred G. Frei, Rotes Wien: Austromarxismus und Arbeiterkultur, 1984; Norbert Leser, Zwischen Reformismus und Bolschewis­mus, 1985; Anton Pelinka (Hrsg.), Zwischen Austromarxismus und Katholizismus, 1993; Hans-Jörg Sandkühler (Hrsg.), Austromarxismus. Texte zu "Ideologie und Klassenkampf" von Otto Bauer, 1970.
 
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